Hinsichtlich der Wirkungsweisen ihrer Sportart, verfügen Bodybuilder über ein intuitives Wissen, ungeachtet dessen, was irgendjemand zu diesem Thema zu schreiben oder zu sagen hat. Beispielsweise wird Ihnen ein Bodybuilder sagen können, welche Übung diesen oder jenen Muskel belastet und wie man mit unterschiedlichen Ansatzwinkeln verschiedene Bereiche eines Muskels trainieren kann.
Bodybuilder brauchen die Physiologie und Funktionen ihrer Muskulatur nicht im einzelnen zu kennen. Sie müssen wissen, wie sie am besten progressiven Widerstand einsetzen und wie sie ihr Training effektiv und funktionell machen. Viele interessieren sich aber auch für darüber hinausgehende Zusammenhänge. Warum, beispielsweise, scheinen unterschiedliche Übungen für ein und denselben Körperteil die entsprechenden Muskeln unterschiedlich zu belasten? Warum belasten normale Langhantelcurls die Bizeps anders als Kurzhantelcurls auf einer Schrägbank? Wie funktionieren unsere Muskeln eigentlich?
Sie wissen, dass Sie auf einen Teil Ihrer Muskulatur keinen willkürlichen Einfluss haben. Wenn man nicht zufällig ein begnadeter Schüler Bagwhans oder eines Yogi sind, wird man die Bewegungen seiner Darmwände nicht bewusst steuern können. Genausowenig kann man seinen Herzschlag anhalten. Allerdings können Sie auf Kommando Ihre stark entwickelten grossen Rautenmuskeln anspannen
Drei Arten von Muskelgewebe hat der menschliche Körper: die Herzmuskulatur, die unwillkürliche Muskulatur (z.B. das glatte Muskelgwebe, dass Ihren Darm umgibt) und die willkürliche Muskulatur, wie beispielsweise die Skelettmuskulatur. Die bewusste Beherrschung dieser Muskeln ist so fein ausgeprägt, dass die meisten Aktionen unbewusst ablaufen. Sind Sie sich beispielsweise beim Lesen dieser Zeilen bewusst, dass die Rectus lateralis Muskeln Ihrer Augen kontrahieren, um den Inhalt aufzunehmen. Wahrscheinlich nicht.
Muskeln haben einen Ursprung und einen Ansatz. Der Ursprung ist die stabilere Verbindung mit dem Knochen. Muskelursprünge sind meistens dichter an der Körpermitte angelegen. So hat z.B. der Brustmuskel seinen Ursprung am Brustbein und am Schlüsselbein; ansetzen tut er an der Innenseite des Oberarms.
Die Muskelansätze sind beweglicher als die Ursprünge und in der Regel weiter von der Körpermitte entfernt. Muskeln sind mit Knochen über Sehnen und Bindegewebe verbunden. Aufgrund ausreichend starker Signale vom Zentralnervensystem, kontrahieren Muskeln. Muskuläre Aktionen gegen vom Gehirn aus, das über das Rückenmark ein Signal an einen peripheren Nerv aussendet, der diesen Reiz wiederum auf den Muskel überträgt.
Es beginnt eine lange Kette elektrochemischer Reaktionen, an deren Ende Muskelkontraktion steht.
Wenn die einzelnen Muskelfasern kontrahieren, verkürzen sie sich. Die daraus resultierende Kraft wird über die verbindende Sehne auf den Knochen übertragen. Bei Muskelkontraktionen bewegen sich Ursprung und Ansatz eines Muskels aufeinander zu. Allerdings wird der Ansatz wesentlich mehr bewegt als der Ursprung.
Ihre Bizeps setzen an den Unterarmen an. Wenn der Bizeps ausreichend stark kontrahiert, bewegt sich der Unterarm in Richtung Schulter. Diese Bewegung nennt man Ellbogenflexion. Der Ansatz des Bizeps ist so angelegt, dass er auch das Handgelenk einwärts dreht. Man nennt diese Rotation Supination.
Muskeln können mehrere Funktionen haben. Ist ein Muskel bei einer anatomischen Aktion der Primärbeweger, so bezeichnet man ihn als Agonisten. Bei Ellbogenflexion mit supiniertem Handgelenk ( die Postition beim Langhantelcurl ) ist beispielsweise Ihr Bizeps der Agonist.
Für jeden agonistischen Muskel gibt es einen Antagonisten, um alle Bewegungen auszubalancieren. Verkürzt sich ein Muskel bzw. kontrahiert, verlängert bzw. entspannt sich der zugehörige antagonistische Muskel.
Wenn Ihr Bizeps kontrahiert, entspannt sich der Trizeps. Ist der Trizeps kontrahiert, z.B. beim Trizepsdrücken, so wird der Bizeps zum Agonisten und entspannt. Alle Skelettmuskeln des menschlichen Körpers sind auf diese Weise angeordnet. Weitere Beispiele sind die vorderen und hinteren Oberschenkelmuskeln, Bauchmuskeln und spinale Erektoren. Diesen Umstand wissen Bodybuilder zu schätzen und sins sich sehr wohl bewusst, dass sie mit einer breiten Vielfalt verschiedener Übungen trainieren müssen, um eine wohlproportionierte Entwicklung zu erzielen.
Manche Muskeln beeinflussen nur ein einziges Gelenk und sind in ihrer Funktion sehr einfach. Denken Sie einmal an Ihre Zunge, da haben Sie einen Muskel, der so ziemlich jede denkbare Bewegung ausführen kann. Ihre Zunge kann sich vor und zurück bewegen, auf und ab, kreuz und quer.
Sehen wir uns einen anderen Muskel an. Am vorderen Oberschenkel, Ihr Rectus femoris, ist ein grosser Muskel am vorderen Oberschenkel. Er gehört zur Gruppe der Quadriceps und erstreckt sich über zwei Gelenke, nämlich über das Knie und über die Hüfte. Da er beide Gelenke entspannt, hat er auch an beiden eine Funktion. Am Knie ist es Extension und an der Hüfte Flexion.
Beispielsweise; Sie sitzen an der Maschine und wollen mit einem Satz Beinstrecken beginnen. Mit der Kontraktion des Rectus femoris wird der Unterschenkel angehoben. Warum wird das Bein gestreckt, die Hüfte aber nicht gebeugt? Weil andere Muskeln die Hüfte stabilisieren, so dass keine Flexion eintreten kann. Dem Rectus wird es ausserdem schwergemacht, durch die Position, in der Sie sich befinden, am Hüftgelenk aktiv zu werden.
Wenn Sie sich zum Beinstrecken hinsetzen, befindet sich die Hüfte bereits in relativ gebeugter Postition. Das heisst, der Rectus femoris ist über dem Hüftgelenk bereits etwas verkürzt. Da er auch das Knie überspannt, ist er als Streckmuskel des Knies nicht so kraftvoll wie die Muskeln, die nur an einem Gelenk aktiv werden und auch an der Streckung des Beins beteiligt sind. Deshalb trainieren Sie mit Beinstrecken vor allem Ihre Vastus - Muskeln, nicht den Rectus femoris.
Wie stabilisiert ein Muskel ein Gelenk? Mit isometrischer Kontraktion. Bei isometrischer Kontraktion ist im Muskel zwar Spannung vorhanden, es findet aber keine Verkürzung und keine Bewegung statt.
Bei Langhantelcurls würden die Bizeps eigentlich sowohl die Ellbogen als auch die Schultergelenke beugen. Um Flexion der Schultergelenke zu verhindern, kontrahieren die Muskeln der Schulterblätter isometrisch, damit die Gelenke in Position gehalten werden. auf diese Weise können die Bizeps ihre Hauptfunktionen erfüllen, nämlich Ellbogenflexion.
Muskeln können verschiedene Funktionen an verschiedenen Gelenken oder dieselbe Funktion an verschiedenen Gelenken haben. Wie gesagt, Ihr Rectus femoris kann das Knie strecken und die Hüfte beugen. Der lange Muskelkopf des Bizeps beugt den Ellbogen und die Schulter.
Auch können Muskeln die Funktion von Synergisten haben. Synergie bedeutet " Zusammenwirken ". Wenn Sie den Arm strecken, hat der Trizeps die Funktion des Agonisten bzw. des Primärbewegers. Beim Kurzhanteldrücken ist der Primärbeweger der Deltamuskel. Aber Bodybuilder wissen, dass sie mit Kurzhanteldrücken auch den Trizeps trainieren. In diesem Fall hat der Trizeps die Funktion eines Synergisten des Deltamuskels.
Muskeln sind vielseitig. Muskeln kontrahieren, um ihren Ansatz zu ihrem Ursprung zu bewegen. Wie sieht es aber mit dem Bizeps bei Curls im Vergleich zu Klimmzügen aus? Beim Curl ist der Ursprung fixiert und der Unterarm bewegt sich zum Oberarm. Dagegen ist beim Klimmzug der Ansatz fixiert ( der Unterarm ) und man bewegt den Ursprung in Richtung des Ansatzes.
Aufgrund unterschiedlich ausgeprägter Muskelursprünge, Muskelansätze und Muskelformen reagiert die Muskulatur jedes einzelnen unterschiedlich auf die Trainingsbelastungen. Da Muskeln an den Gelenken mehrere Funktionen erfüllen, muss man als Bodybuilder mit vielen verschiedenen Übungen und aus allen möglichen Ansatzwinkeln heraus trainieren, um optimale Fortschritte zu erzielen.
Die meisten Muskeln unseres Körpers sind glücklicherweise nicht so langweilig wie das glatte Muskelgewebe unserer Darmwand. Ob ein Muskel nun als Agonist, Synergist, Antagonist oder Stablisator wirkt, das ganze System ist perfekt auf Funktionstüchtigkeit eingerichtet. Auf der Grundlage solcher Informationen planen kluge Bodybuilder ihre Trainingsprogramme und nutzen ihre Intuition zur Ausformung ihres Körpers.